Carmen:
EGERSDÖRFER, SCHULZ, MUELLER
Carmen oder die Traurigkeit der letzten Jahre
Carmen hat in einem Anfall von Heißhunger die letzten vier Rollmöpse aus dem Glas im
Stehen verschlungen. Sie beobachtet nervös den großen Zeiger der Küchenuhr. In zehn
Minuten wird sie die Fische erbrechen, um sich dann der 300g-Tafel Nougatschokolade zu
widmen. Egersdörfer hat schlecht geschlafen. Gestern Abend hat er befürchtet, dass ihm
sein Bier nicht mehr schmeckt. Fast einen halben Kasten hat er in großer Sorge
ausgetrunken. Im Halbschlaf am Vormittag hat er sich ausgedacht, wie er einige mit
Mayonnaise bestrichene Rollmöpse nach dem Zwölf-Uhr-Läuten essen wird. Der Nachbar
Eichhorn hört durch die Wand das Würgen der Carmen und das Gebrüll der Enttäuschung
vom Egersdörfer. Eichhorn denkt an den schwäbischen Käsehändler mit den schwarz
behaarten Fingern, den er gestern im Bistro des Möbelhauses kennengelernt hat. Als
Käsesommelier hatte sich dieser bezeichnet. Nach dem zweiten Prosecco schlug er dem
Eichhorn vor, auf dem Parkplatz intim zu werden.
Wie kalter Rauch umgibt die Traurigkeit der letzten Jahre die Drei und die unbarmherzige
Welt raucht immer weiter dicke Zigarren aus Dummheit, Hass und Hybris. Was bleibt ihnen
anderes übrig, als die Fenster ihrer Eingeweide aufzureißen, wenn man nicht ersticken
möchte?
Langsam:
In der Früh fängt es manchmal an, dass der Himmel ohne Vorwarnung auf dich herunterstürzt. Die Frau hat zu wenig oder zu viel geschlafen. Sie redet drauflos. Unter einer Lawine aus Wörtern wirst du verschüttet. Da hast du noch keinen Schluck Kaffee getrunken. Du bist froh, dass die Erdanziehungskraft funktioniert und warst gerade dabei, deine Finger zu zählen.
Schlimm an der Situation ist die hohe Geschwindigkeit, mit der die Wörter gesprochen werden. Schlimm ist das Gerenne der Mitmenschen in den Straßen, das Rasen der Traktoren über die Felder, die Hochgeschwindigkeit, mit der die Nachrichten und Katastrophen blitzen und donnern. Es ist einige Jahre her, dass der Egers einmal in einer Küche gearbeitet hat. Die Küchenchefin hat in kurzer Zeit dreihundert Mal zu ihm gesagt, dass er sich beeilen soll. Der Egers hat es versucht. Aber es ging nicht schneller. Der Egers ist langsam. Er schneidet Zwiebeln langsam, denkt langsam und spricht meistens nicht besonders schnell.
In dieser Langsamkeit hat er auch das neue Programm geschrieben. Das hat sehr lange gedauert. Buchstabe um Buchstabe, Wort um Wort. Satz um Satz. Mit einer trägen Wucht stemmt sich der Kabarettist darin gegen die Schnelligkeit der Welt. Der ganze Abend feiert die Langsamkeit und deswegen werden auch die Geschichten nicht in erhöhtem Tempo vorgetragen. Aber Sie brauchen sich als Zuschauer keine Sorgen zu machen, dass Sie wegen der geringen Geschwindigkeit vielleicht müde werden. Weil es gut sein kann, dass der Egers einmal eine Wut bekommt. Er regt sich ja oft einmal auf wegen Allem und Nichts. Und da wachen Sie dann schon wieder auf.
Einlass: 19:00 Uhr