Kesselhaus Theater-Ensemble: Frau im Wald
Einer langjährigen Tradition folgend präsentiert auch in diesem Jahr die Regisseurin und Theaterpädagogin Simone Lüdi mit aktuell acht Schauspiel-Talenten ein neues Werk im Friedlinger Kesselhaus. Im Auftrag des Kulturamts hat sie über viele Monate hinweg mit ihrem Ensemble geprobt. Das Ergebnis dieser intensiven Vorbereitungsphase kommt nun an drei Abenden Ende Oktober zu Aufführung. Gespielt wird dann das Stück „Frau im Wald“ von Julia Haenni.
Zu sehen ist darin Frau Meier, wie sie am Morgen ihre To-do-Liste im Kopf durchgeht: Sie muss Brötchen holen, den Hasen suchen, der ausgebüxt ist, und zum Zahnarzt. Aber der Tag entwickelt sich ganz anders als erwartet. Ihr Auto ist weg, und der Hase liegt tot vor dem Fenster. Da gerät die scheinbar endlose To-do-Liste in Frau Meiers Kopf aus den Fugen, vermischt sich mit Erinnerungen, Ängsten und mit der Stimme im Radio, die von vermissten Frauen erzählt.
Vor einem Bühnenbild aus aufgetürmten Stühlen wird das Publikum mit einem Stimmengewirr aus Gedanken, Erlebtem und Phantasiertem konfrontiert. Die Protagonisten verfolgen Spuren, die aus Frau Meiers Wohnung in den Garten führen, zu den Frauen an der Tramhaltestelle, in den Wald, und sie präsentieren ein vielstimmiges Stück über Mental Load, in dem Alltag und Ausnahmezustand miteinander verschwimmen. Im Raum stehen Fragen wie: Was ist echt? Wer spricht hier eigentlich? Und: Wann hört die Realität auf, wo beginnt die Traumwelt?
Was sich für Frau Meier nach einem individuellen Problem anfühlt, betrifft in der Realität viele. Auch Julia Haenni, Autorin des Stücks, sagt über den Versuch, das Einzelne im Vielen und das Viele im Einzelnen darstellen zu wollen: „Das Stimmengewirr zeigt die Überforderung und stellt gleichzeitig die Addition der verschiedenen Probleme und Meinungen dar“.
Die Inszenierung des Kesselhaus-Ensembles vereint diese Spannung zwischen individueller Überforderung und Mental Load als kollektivem Problem, und lädt das Publikum ein, danach zu fragen, was passiert, wenn man Frau Meier nicht mehr nur als einzelnes Individuum wahrnimmt, sondern davon ausgeht, dass es viele Frau Meiers gibt.
Unter der Regie von Simone Lüdi (Assistenz: Laura Simonelli) spielen Anja Meyer, Alexandra Krimmer, Eva Winter, Claudia Palladino, Barbara Wellinger, Doris Leimeier, Timm Rosburg und Liwia Ricken.
Julia Haenni
Die Autorin des Theaterstücks wurde 1988 im Kanton Aargau geboren und studierte Theaterregie an der Zürcher Hochschule der Künste sowie Theaterwissenschaften und Germanistik in Bern und Berlin. Ihr Werk „Frau im Wald“ wurde 2018 uraufgeführt. Seit 2022 arbeitet Haenni frei, leitet Workshops und unterrichtet am Theaterdepartement der Zürcher Hochschule der Künste. Ihre Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet. So wurde ihr 2020 der Berner Literaturpreis verliehen und 2024 erhielt sie für „Angst oder Hase“ den Deutschen Jugendtheaterpreis.